جمعه
M.Z

Erzählung
Massumeh Ziai
Aus dem Persischen übersetz von:
Sanaz Rezai


Sepidehs Stimme


Sobald die Sirene ertönt erbleichen Sepidehs Lippen. Weiß, ganz weiß. Ihr Gesicht auch. Ihre Augen werden irgendwie anders, als ob sie nichts mehr sieht. Ihre Hände fangen an zu zittern und sie hört nichts mehr. Sie hört nicht was alle Anderen ihr sagen. Sie wird taub, taub und stumm. Mama nimmt sie in den Arm und tröstet sie und sagt: 

„ Gleich ist alles vorbei meine Tochter. Wenn du bis 20 zählst, wird alles vorbei sein.“ und streichelt sie.
Sepideh zählt überhaupt nicht. Mama fängt an selbst zu zählen, so langsam, dass ich sie überhole. Ich zähle lautlos. Sepideh achtet nicht auf Mama. Sie achtet auf Nichts. Ich denke, sie denkt an die Iraker, an die MiGs, an die Luftangriffe, an die Bomben, an die Spatzen und an die Katze im Hof, die aus Angst flieht.

Großmutter nimmt ihren Ring vom Finger und sagt: 

„ Wasser, Zuckerwasser“. Sie läuft hektisch hin und her.
Sepideh mag das Zuckerwasser sehr. Sie geben ihr Zuckerwasser. Ihre Hände werden ruhiger. Sie rollt sich zusammen, als ob sie beleidigt wäre. Und wickelt ihren Rockzipfel um den Zeigefinger. So fest, dass ihr Finger sicherlich schmerzt. Aber sie sagt nichts und dreht den Rock noch schneller.

Mir passiert nichts. Nichts. Außer, dass ich pinkeln muss. Ich muss so schnell wie möglich auf die Toilette. Ich kann nirgends still stehen. Ich renne auf die Toilette. Meine Mutter zieht mich am Arm und sagt: 

„ Hey du Lausejunge, wo willst du denn hin?“

Ich stehe unruhig auf meinem Platz. Bis ich sagen kann Pi ……., wird mir heiß und meine Hose nass. Meine Hose und meine Socken. Mama schlägt mir auf den Hinterkopf und schreit: 

„ Du Taugenichts, du Bettnässer!“ Und sie fängt an, Saddam, mich, den Krieg, die Sirenen und die Verstorbenen zu beschimpfen. Ich bleibe an meinem Platz stehen und versuche keinen Laut von mir zu geben und nicht zu weinen, damit sie weniger schreit.
Jedes Mal wenn die Iraker kommen bleiben wir zu Hause. Das heißt wir bleiben im Haus und gehen nirgendwo hin. Wegen Großmutter. Sie möchte nirgendwo hingehen. Sie sagt:
Wo soll ich denn hin? Wohin? Lasst mich in meinem Haus sterben!“

Mama wird wütend und sagt: 

„Dieser Sturkopf! Sie bringt uns alle noch um.“ Und fängt an ihr nachzuahmen: „Wo soll hin? Wo soll ich hin?“
Großmutter hört alles, doch sie sagt nichts. Sie hört Radio. Großmutter hört zwar auf das Radio, ihre Aufmerksamkeit aber, liegt bei uns.

Unsere Straße ist leer. Die meisten Nachbarn sind bereits fort. Sie sind raus aus der Stadt oder in ferne Städte gereist und kommen nur dann zurück, wenn sie glauben, dass es keine Luftangriffe mehr gibt oder wenn sie etwas aus ihrem Haus holen wollen. Etwas, was sie vergessen haben. Die Hausschlüssel vieler Nachbarn sind bei Großmutter. Zum Abschied sagen die Nachbarn mit feuchten Augen zu Großmutter: 

„Haj Khanom, verzeih uns. Verzeih!“

Wir sind auch für ein paar Tage in Onkels Garten gefahren. Großmutter ist nicht mitgekommen. Nichts konnte sie überzeugen, nicht mal Mamas betteln. Zum Schluss sind wir selbst gefahren. Viele unserer Verwandten waren dort. Den ganzen Tag habe ich mit Kindern gespielt. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Im Garten haben wir Graben gebaut und gespielt. Wir waren zwei Teams. Iraner gegen Iraker. Ich war ein iranischer Soldat. Wir haben uns hinter den Bäumen versteckt, auf die Iraker geschossen und sie getötet. Farzad war ein Iraker. Er wurde gefangen genommen. Wir sind alle auf ihn zugerannt, haben ihn umzingelt und geschrien: „ Tod dem Saddam!“. Er hat angefangen zu weinen und hat seine Mutter geholt. Seine Mama war wütend. Sie hat uns angeschrien und ist weggegangen. „Mir ist das egal, er ist selber schuld. Er ist ein Taugenichts.„

Ich wünschte, wir hätten länger bleiben können. Schade, dass es nicht ging. Wegen Großmutter. Mama sagte die ganze Zeit: „Meine Gedanken sind bei Großmutter. Ich habe Angst um sie.“

Jetzt ist es überall ruhig und es sind keine Stimmen mehr zu hören. Außer Großmutters Radio, das aber auch nicht so laut ist. Sie hat es leiser gedreht. Ihr Ohr ist an das Radio gedrückt. Ich wünsche mir, dass die Iraker nicht mehr kommen. Und wenn sie kommen, dann sollen sie am Tag kommen, sodass man etwas sehen kann und sich besser verstecken kann. Aber sie kommen immer wann sie wollen. Dann wird unser Radio immer lauter und es ist so, als ob es aus den ganzen Häusern und der ganzen Stadt zu hören ist, und wir hören die Stimme des Mannes, der immer mit gleichem Ton spricht:

„Das Signal, dass sie gerade hören, ist die Alarmstufe rot oder Gefahr eines Luftangriffs, sie bedeutet …“

Und wieder fängt alles von vorne an. Sepideh fängt an zu zittern. Ich muss wieder pinkeln. Großmutter rennt herum. Mama wird unruhig. Die Türe und die Fenster fangen an zu beben. Alles fängt an zu beben und fällt in sich zusammen. Mama und Großmutter streiten. Mama sagt: 

„Khanom, geh nicht raus! Setz dich! Mach deine Zigarette aus!“ Großmutter wird gekrängt und sagt verärgert:
„Wie können sie ausgerechnet das winzige Feuer meiner Zigaretten sehen?“ Sie schiebt die Decke vor dem Fenster beiseite und sagt: 
„Dunkelheit! Ouf! Wir platzen, lieber Gott! Erlöse uns!“

Jemand schreit von der Straße aus: 

„Mach sie aus!“

Und alles und überall bebt so sehr, dass dieses furchteinflößende Geräusch in unsere Ohren ertönt, in unsere Köpfe. Dann setzt sich Großmutter auf Ihr Sitzmatratze, dort, wo die Nachbarsschlüssel darunter liegen und sagt:

„Seht, in welches Elend wir geraten sind! Lasst mich nachschauen, was sie getroffen haben.“
Und sie redet mit sich selbst. Sepideh schläft mit blassem Gesicht in Mamas Armen ein.

Jetzt hat Mama ein Buch geholt und liest ihr eine Geschichte vor. Sepideh hat ihre Puppe auf ihren Schoß gelegt. Sepidehs Puppe ist am Schlafen. Sepideh und Mama sitzen am anderen Ende des Zimmers. Dort, wo die Wand bereits gerissen ist. Dort, wo wir unseren Haftsin1 haben. Unser Haftsin hat keine Fische. Ich mache meine Hausaufgaben, die ich über die Neujahrsferien erledigen muss. Sepideh hat keine Hausaufgaben, für die Ferien. Sie hat überhaupt keine Hausaufgaben. Sie geht nicht mehr zur Schule. Mama sagt: 

„Nur vorübergehend!“

Und sie nimmt sie in den Arm. Streichelt ihr über das Haar und küsst sie. Sepideh macht überhaupt nichts. Immer wenn ich Hausaufgaben mache, sitzt sie in einer Ecke und beobachtet mich oder sie nimmt ihre Puppe in den Arm oder schaukelt sie. Manchmal setzt sie sich auch neben Großmutter und putzt Kräuter. Immer wenn Mama das sieht, wird sie traurig und fängt an zu nörgeln und lässt nicht zu, dass Sepideh Großmutter hilft. Ich wünsche mir, dass meine Hausaufgaben schneller fertig werden. Ich kann auch schneller schreiben. Aber wenn Mama das sieht, sagt sie: 

„Das ist schlampig! Schreib das nochmal!“

Ich habe Angst, dass Sepideh nie zur Schule gehen kann und auch nicht wieder gesund wird. Mama sagt immer: 

„Nur vorübergehend!“ Und sie holt sich von Freunden und Familie Tipps für bessere Ärzte. Am Ende ihres Gebetes sagt Großmutter:
„Du bist barmherzig! Du bist Weise! Heile, heile!“

Ich wünsche mir, dass Sepideh spricht, sodass wir ihr Lachen hören können. Nicht wie jetzt, dass nur ihre Lippen bewegt, ihre Hand bewegt, ihren Kopf bewegt und ihre Stimme kommt nicht raus. Niemand versteht was sie will. Ich wünsche mir, dass wir zwei wieder zuhause schreien und dass wir auf Oma klettern, während sie betet. Dass sie wieder Farzad ärgert, der gemeine Farzad, der sagt, dass Sepideh nie wieder besser wird. Er sagt, dass seine Tante, die im Krankenhaus arbeitet meinte, dass sie nicht wieder geheilt wird. Mama kommen die Tränen und sie sagt: 

„Lieber Gott! Lieber Gott! Warum ich?“

Ich will kein Soldat mehr werden. Und ein Kampfpilot will ich auch nicht mehr werden. Sepideh kann auch keine Ärztin werden. Sie hat immer die Ärztin gespielt. Sie hat ihre Puppen aufgestellt und gesagt:

“Sie sind krank geworden! Ihnen geht es nicht gut!“
Ich habe dann Papier und Stift geholt und die Namen der Patienten aufgeschrieben. Sepideh hat sie untersucht, ihnen Spritze und Medikamente gegeben. Und wenn sie mit mir schimpfte sagte sie:
„Du Faulentzer! Aus dir wird nichts! Wenn ich mal Ärztin bin darfst du nur meinen Patienten Nummern geben!“
Dann habe ich an ihren langen Haaren gezogen oder habe ihrer Puppe die Hand ausgerissen. 
Jetzt spielen wir keine Doktorspiele mehr. Weil Sepideh kann keine Ärztin mehr sein. Gelegentlich kommt sie und setzt sich zu mir. Manchmal will sie auch etwas sagen. Sie öffnet ihre Lippen. Sie bewegt ihre Hand, sie bewegt ihren Kopf und ich verstehe nicht was sie mir sagen will. Nichts. Dann wirft sie ihre Puppe oder geht und setzt sich in eine Ecke. Ich sage ihr:
„Sprechen ist doch leicht. Du musst nur deinen Hals ein wenig zusammenziehen. so wie ich es mache! Es ist doch nicht schwerer wie Hausaufgaben machen!“
Aber sie wird nicht wieder lernen zu sprechen. Ich weiß nicht wie kann sie aushalten, nicht zu sprechen. An ihrer Stelle würde mir langweilig. Ich habe ihr einmal gesagt, sie soll versuchen zu sprechen. Ich habe mich ihr gegenüber hingesetzt und ihr gesagt, dass sie alles was ich sage, wiederholen soll. Ich habe gesagt:
„Sag Uuu!“ Sie hat nichts gesagt.
Ich habe gesagt:
„Sag Spiel!“
Sie hat angefangen zu weinen, ist weggerannt und in den Garten gelaufen.

Sepideh denkt ihre Puppe ist noch nicht eingeschlafen. Sie wippt ihre Beine schneller und schneller, dass sie schneller einschläft. Mama liest leise. Mama hat eine sehr schöne Stimme. Sie kann auch sehr gut Geschichten vorlesen. 

Rotkäppchen ist immer noch im Wald. Sie ist noch nicht an Großmutters Hütte angekommen und sie kommt auch nicht auf die Idee, dass derjenige, der in ihrem Bett schläft, nicht ihre Großmutter ist. Sepideh hat ihre Beine so viel bewegt, dass sie beinahe den Essig von unserem Haftsin getroffen und diesen verschüttet hätte. Mama zieht Sepideh zu sich und sagt:
„Warum bist du so unruhig, Kind? warum bist du so verwirrt?“ und schaut mich an. Meine Aufmerksamkeit liegt bei meiner Arbeit. Sepideh ist diejenige, die abgelenkt ist und aus Angst vor dem Wolf beinahe auf das Haftsin getreten ist.
Die Bombensirene ertönt. Großmutter dreht das Radio lauter und führt Selbstgespräche. Es ist so, als ob alles wieder anfängt. Mama klappt das Buch zu. Sepideh nimmt ihre Puppe fester in den Arm. Großmutter steht von ihrem Platz auf. Das Radio ist sehr laut. Ich bin noch nicht mit meinen Hausaufgaben fertig. Wo soll ich mein Heft hinlegen?
Es ist so, als ob sie gekommen sind. Heute ist es schon das zweite Mal. Sepideh drückt sich an die Wand. An die Vorhänge im Zimmer und zittert. Großmutter geht zur Tür und führt Selbstgespräche. Mama sagt sie soll nicht hingehen. Aber sie geht. Mama zieht sie mit Gewalt zurück in das Zimmer. Von draußen sind Geräusche zu hören. Sie kommen. Sie schlagen zu. Das ganze Zimmer und das ganze Haus fangen an zu beben. Überall fängt alles an zu beben. Ich denke, sie haben zugeschlagen. Irgendetwas brennt in der Luft. Im Himmel. Es zerfällt in tausende Teile. In viele Stücke und überall in unserem Hof wird es hell. Großmutter jammert. Sie liegt auf dem Fußboden und stöhnt. Die Tür ist abgerissen und auf ihre Brust gestürzt. Sepideh ist verschwunden. Ihre Puppe auch. Ich weiß nicht, wo sie sich versteckt hat. Mama ruft nach ihr. Ein Mädchen fängt an zu schreien. Mama schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Sie ruft nach Sepideh und kann die Türe nicht von Großmutter heben, die vor Schmerz stöhnt. Die Menschen rennen auf die Straße. Die Stimmen vermischen sich. Es sind Geschrei und Gejammer zu hören. Schritte, Sirene von Krankenwagen, Schreie und Weinen sind zu hören. Das Geschrei eines Mädchens ist zu hören, unaufhaltsam. Eine Stimme, wie die von Sepideh.


Aus:
Mahoor und Sepidehs Stimme, Erzählungen, Massumeh Ziai , Bockförlaget NashreDoosti, 1. Auflage 2013, ISBN 978-91-87195-07-5


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1 Traditioneller persischer Neujahrsbrauch
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