پنجشنبه
:Massumeh Ziai
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Sonntags

Die ältere Frau hat ein rundes, volles Gesicht und kurze, glatte Haare. Ihre Frisur erinnert mich an meine eigene, als ich Kind war, obwohl, ich war mager, hundsmager und dunkelhäutig, so mager, dass mein Onkel mich „Pappe“ nannte. Jedes Mal, wenn er mich sah, sagte er: “Pass auf, dass du
.nicht weggeweht wirst.“ Das ärgerte mich, aber ich sagte nichts

Die ältere Frau ist nicht mager, im Gegenteil, sie ist kräftig und stark. Nur ihre Haare sind glatt wie meine, wie meine Kinderfrisur, glatt und rund. Meine Mutter nannte das so. Sie nahm die Schere und – ruckzuck – schnitt sie die Haare auf einer geraden Linie in Kinnhöhe rund um den Kopf. Die Haare der
.älteren Frau sind genau so. Ich frage mich, wer ihr die Haare schneidet

Jedes Mal, wenn ich ihr begegne, klagt sie über ihre niedrige Rente und ihr
.Übergewicht. Heute Nachmittag, als ich nach Hause kam, traf ich sie wieder

Sie wohnt in unserer Straße, da drüben, in einem der städtischen Häuser mit günstiger Miete. Ich hatte sie schon oft gesehen, von ferne. Worte haben wir
.nicht gewechselt. Sie schien eine starke, selbstbewusste Frau zu sein

Gesprochen haben wir das erste Mal im Supermarkt, in unserem Viertel. Sie kam mit dem Einkaufswagen auf mich zu. Als ihr Blick mich traf, grüßte ich sie plötzlich. Sie reagierte freundlich, lächelte, sagte, dass sie mich schon ein paar Mal gesehen habe. Als ich vorbei gehen wollte, kam sie näher an mich heran: “Hier kommt es selten vor, dass man so freundlich gegrüßt wird.“ Das
.wunderte mich. Erst jetzt erfuhr ich, dass sie auch Ausländerin ist

Ein anderes Mal traf ich sie im Bus, als wir ausstiegen. Zusammen gingen wir von der Hauptstraße bis zu ihrer Haustüre. Sie erzählte, dass sie aus Prag komme und eine Tochter habe, die an der französischen Grenze lebt. Sie redete ununterbrochen. „Irgendwie erinnern Sie mich an jemanden“, sagte sie
.zum Schluss

Vor ein paar Wochen sah ich sie in der Nähe des Kinderspielplatzes. Sie kam vom Spaziergang zurück, hatte Blumen gepflückt. Sie fragte mich, woher ich komme, warum und seit wann ich hier lebte und Ähnliches. Fragen, wie man sie einer Ausländerin stellt. Wieder erzählte sie von ihrer Tochter, die sich selbst aufgegeben und einen Deutschen geheiratet habe, dessen Kinder sie jetzt großzog, 2 Kinder aus seiner ersten Ehe und ein gemeinsames Kind. Sie habe ihre Jugend und ihr Leben an diesen Mann und seine Kinder verschenkt. Eines Tages würde sie sicher ihre Koffer packen und zurückkehren.
Sie selbst war nicht wie ihre Tochter. Sie war eine unabhängige Frau, die sich nie einem Mann gefügt hatte, obwohl die Erziehung damals anders war als
.heute

Sie hatte viel zu erzählen. Die Straße war nicht der richtige Ort dafür. Sie gab mir ihre Telefonnummer und meinte, es wäre schön, wenn wir sonntags bei schönem Wetter zusammen einen Spaziergang machen würden, im Wald, hier
.in der Nähe Ich gab ihr ebenfalls meine Nummer

Einige Sonntage vergingen, und ich hatte ein schlechtes Gefühl, weil ich sie nicht angerufen hatte, dachte mir aber, dass es noch genug andere Sonntage
.gäbe

Als ich sie heute aus der Ferne sah, musste ich an diese Sonntage denken, für
.die wir uns verabredet hatten, und die ich auch nicht schlecht gefunden hätte

Ein paar Schritte weiter spielten Kinder im Sandkasten, bauten ein Haus oder ein Burg, Kinder mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Zwei junge Frauen mit langen Kleidern, die Haare unter Kopftüchern versteckt, gingen
.auf dem asphaltierten Gehweg hin und her, schoben einen Kiderwagen

Die ältere Frau redete über ihr Herz, das beim Treppensteigen schmerzte. Sie redete über ihre Atemnot und ihr Übergewicht, und dass sie weniger Schokolade essen sollte, wenn sie vor dem Fernseher sitzt. Ein kleiner Junge fuhr mit dem Fahrrad an uns vorbei. Das Haus oder die Burg war inzwischen fertig geworden und die Kinder im Sandkasten lärmten begeistert, während
.sie aus Stöcken und Sand eine Brücke dazu bauten

„Deutschland ist nicht mehr Deutschland“, sagte die ältere Frau, während sie dem kleinen Jungen mit den Blicken folgte. „Egal, wo du hinschaust, siehst nur Zigeuner.“ Dabei zeigte sie auf die Frauen, die Kinder und die Reihe Häuser, die zum größten Teil von Ausländern bewohnt waren. Als sie mein Schweigen und meine Verwunderung bemerkte, sagte sie lächelnd, dass sie jetzt vielleicht zu deutsch geworden sei... aber diese Kinder, diese Frauen und diese Kleider... und dann die Nachbarskinder in der Wohnung über ihr: es sei ein
.unerträglicher Lärm, man käme nicht mehr zur Ruhe

.“In unserem Haus gibt es keine Kinder. Diese Stille ist manchmal furchtbar„
Na ja, in der gegenüberliegenden Wohnung sind die Kinder wirklich sehr„
.“ruhig, und höflich. Ich sage das nicht, weil sie Deutsche sind. Wirklich nicht„
.“Manche Kinder sind ruhig, manche nicht„
.“Sicher, aber bei denen, da ist es etwas anders„
?“ Wie anderes„
.“Ich weiß es nicht, anders halt„

Die Frauen mit dem Kinderwagen kamen wieder an uns vorbei. Vielleicht
.schlief das Kind im Kinderwagen. Vielleicht gingen sie nach Hause zurück

Ich wollte gehen, bevor das Bauwerk im Sandkasten zusammenfiel, wollte es vorher noch aus der Nähe betrachten. Die ältere Frau sagte: „Was für
!“Kinder! Was für Kinder

.Woher kommen Ihre Nachbarn?“ Fragte ich sie
Ich weiß es nicht. Vielleicht aus der Türkei, Jugoslawien oder ...? Ich kann„
?“ihre Sprache nicht einschätzen. Verstehen Sie ihre Sprache
.“Nein, aber in meiner Heimat gibt es verschiedene Völker und Sprachen„
?“ Tatsächlich? Woher kommen Sie„
Ich sagte es ihr, nicht zum ersten Mal, aber sie schaute mich fragend an. Sie kniff die Augen zusammen, stirnrunzelnd: „Ah! Persien, Iran! ... Islam! Sie
!“sind also gar keine Griechin
!“Nein„
Nein. Sind Sie nicht. Warum dachte ich, dass Sie eine Griechin sein„
müssen? Aber da unten ... Persien, Iran, ... da ist es
?auch nie ruhig. Wann wird das wieder

Sie wollte gar keine Antwort hören, machte sich auf den Weg, zeigte noch auf den Himmel, bevor sie sich verabschiedete: „Schrecklich! Der will auch nicht
!“werden

Ich weiß nicht, was sie sagen wird, wenn ich sie das nächste Mal treffe, aber
.ich glaube nicht, dass sie an irgendeinem Sonntag anrufen wird
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1 Comments:
Blogger Sonja Durcak said...
Super,super

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