شنبه
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Gina Nahai
Regen am Kaspischen Meer
Übersetzt von Brigitte Jakobeit
Marebuchverlag, 317 S., 19,90 Euro
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Fahimeh Farsaie: Vernichtendes Glück
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Es ist die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der iranische Präsident Mahmud Ahmadi-Nedjad mit seinen unendlichen Hasstiraden gegen Juden das Interesse an der jüdisch-iranischen Literatur weltweit geweckt hat. Ohne seine grundlosen Verbalattacken gegen das Judentum und das „Land der Juden“ wären diese literarischen Beiträge wahrscheinlich in der Flut des internationalen Literaturbetriebs versunken. So hätte etwa der Roman der Schriftstellerin Dalia Sofer mit dem Titel „Die September von Schiras“ mangels Leserschaft einfach nicht veröffentlicht werden können. Desgleichen hätten die Erfahrungen der Autorin Roya Hakakian als Jugendliche im Iran der Revolutionszeit, die im Buch „Bitterer Frühling„ festgehalten worden sind, gar nicht erscheinen können. Auch das Schicksal der Hauptfigur in dem wunderbar aufgebauten und melancholisch erzählten Roman „Regen am Kaspischen Meer“ der Schriftstellerin Gina Nahai hätte anders kaum Gehör
. gefunden
Nahai nennt ihre Protagonistin Jass. Ihr Name hat, je nach Betonung des Buchstabens a, zwei Bedeutungen: die gängige ist die Blume Jasmin und der zweite Sinn lautet „Hoffnungslosigkeit“. Jass verkörpert sowieso Letzteres, weil sie im Roman immer am Rand eines Abgrunds steht. Sie findet es besonders „gemein“, dass die gleichen vier Buchstaben das scheußliche Gesicht der Verzweiflung und die Schönheit von Jasmin zugleich enthalten. Schön ist aber Jass nicht. Sie sieht zudem "unjüdisch" aus: Rote Haare und ein blasses Gesicht mit Sommersprossen. Nach den iranischen Schönheitsmaßstäben ist sie sogar hässlich. Wegen ihres Aussehens wird sie aber nicht gebrandmarkt, auch nicht wegen ihrer Religion, sondern weil sie Tochter der Jüdin Bahar ist, die es wagt, das jüdische Armenviertel in Teheran zu verlassen und sich durch die Heirat mit dem reichen und
.hartherzigen Juden Omid der besseren Gesellschaft anschließt
Thematisch schildert der Roman „Regen am kaspischen Meer“ die Klassenhierarchie unter den iranischen Juden und lässt bewusst die politischen Verhältnisse unter dem herrschenden Regime außer Acht. Hier geht es nicht um den Clash der Kulturen oder Glaubensbekenntnisse, sondern um die Klassenauseinandersetzungen zwischen jüdischen Mittellosen und einer etablierten und integrierten Schicht von Juden, die sich als Iraner bezeichnen und die in diesem Land schon wichtige wirtschaftliche Positionen erlangt haben. Jass verkörpert die zerrissene Wesensart einer Außenseiterin, die von niemandem geliebt und beachtet, von allen aber gedemütigt und erniedrigt
.“ wurde, „als ob sie eine Muslimin wäre
In Bahars Familie gibt es sogar einen engen Verwandten, der zum Islam übergetreten ist. Er ist aber stark und identifiziert sich mit seinem neuen Glauben. Selbst wenn er an einem jüdischen Trauerfest teilnimmt, vergisst er seinen Umhang, Aba, und seinen Gebetskranz nicht. Ihm wird nachgesagt, dass er sich durch den Religionswechsel von der vernichtenden Last der
.Armut befreien wollte
Vor der Armut zu fliehen ist ebenfalls das Motiv Bahars, ihre elende Vergangenheit hinter sich zu bringen. Wegen ihres einst niedrigen gesellschaftlichen Status wird sie aber nie von der Familie ihres Mannes als „Mensch“ akzeptiert. Nach der Heirat wird sie außerdem von ihren alten Bekannten und Freunden verstoßen, weil sie sich von ihr verraten fühlen. Neid spielt dabei auch keine geringfügige Rolle. Schließlich gehöre sie nun zu
.“den „besseren Menschen
Die Hauptleidende in dem Wirrwarr des Bessere-Menschen-Spielens in dieser jüdischen Gemeinde ist Jass. Sie ist schutzlos der ungeheuren Last der Demütigung und dem unheimlichen Schmerz der Entwürdigung ausgesetzt. Was ihr zu schaffen macht, ist Anmaßung jeglicher Art und allerorts, sogar von ihren eigenen Eltern. Zudem wird sie immer wieder von der unbezwingbaren Furcht heimgesucht, das Glück der Mutter geraubt zu haben, die nie von ihrem Ehemann geliebt wurde. Omid verliebt sich kurz nach der Verlobung mit Bahar in eine Muslimin und lebt praktisch mit ihr. Jass fühlt sich von Beiden nicht gemocht. Gegen diese tiefe und ungerechte Lieblosigkeit und Missachtung entwickelt Jass zwar innerlich eine Art Widerstand, findet aber keinen Mut, ihre trüben Gefühle zu zeigen. Langsam zieht sie sich von allem
.und allen zurück und lebt nur wie ein Geist in der Dunkelheit der Nacht
Unsichtbar ist auch Jass am Anfang des Romans. Sie ist zuerst nur eine Stimme, die man nicht verorten kann. Im ersten Kapitel erzählt sie die märchenhafte Begegnung ihrer Eltern aus der Vogelperspektive. Das
Wort „ich“ oder „mich“ taucht irgendwann mitten in der Geschichte auf. Die Ich-Erzählerin betrachtet sich selbst aber aus dem Blickwinkel der Anderen: Sie sei nur ein Mädchen, ein nutzloses Mädchen, das den Namen der vermögenden und einflussreichen Familie „Arbab“ nicht fortzusetzen vermag, ein Mädchen, das Hass und Ablehnung mit der Muttermilch eingesogen hat. Dass sie ein wertloses Wesen sei, verinnerlicht Jass sehr früh als kleines Kind und fühlt sich als Unglücksbringerin der Familie und den „Anderen“ gegenüber schuldig. Diese „Anderen“ sind immer da, immer präsent, gehören der iranisch-jüdischen Gemeinde an, in der sich Bahar bewegt. Man lebt nur, um
.von ihnen beachtet und akzeptiert zu werden
Die Geschichten dieser Anderen erzählt die Schriftstellerin Gina Nahai, in ihrem Roman „Regen am Kaspischen Meer“, parallel zur Geschichte Jass’ weitaus akribischer und präziser. Nicht, weil sie dadurch die unterschiedlichen Aspekte des iranisch- jüdischen Lebens am Ende der 70-er Jahre in Teheran darstellen will, sondern auch weil sie untrennbar mit dem Schicksal ihrer Hauptfigur verbunden sind. Jass illustriert anschaulich, wie sich das Judendasein von innen anfühlt. Ihre detaillierte Schilderung spiegelt zudem ihr außergewöhnliches und ausdauerndes Beobachtungsvermögen wider, das allmählich eine dramaturgische Dimension annimmt. Sie dokumentiert alles gierig und bildhaft, weil sie langsam spürt, dass ihr die Ereignisse stückweise „gestohlen“ werden und dass der Alltag abrupt für einen Moment „ausgelöscht“ wird. Es dauert eine Weile, bis man feststellt, dass sie allmählich taub wird, und bis Bahar es akzeptiert, dass ihre „unvollkommene“ Tochter ein Hörgerät trägt, hält eine Ewigkeit an. In dieser Zeitspanne ruft Jass alle ihre Sinne auf, versucht das Leben in allen Einzelheiten zu „verschlucken“, damit sie sich später daran erinnern kann, wenn sie nicht mehr in der Lage ist
.alles mit ihrem Gehör wahrzunehmen. Da fängt ihr wahres Dilemma an
Regen am Kaspischen Meer“ ist das Selbstporträt einer jüdischen„
Familie, derer Kaltblütigkeit und deren Amoralismus die Seele eines Kindes so gründlich verwüstet, dass es sich vernichtet, um seiner Mutter ein
.glückliches Leben zu ermöglichen
Die 47-jährige in Teheran geborene Schriftstellerin Gina Nahai, die seit 1977 in den USA lebt, schreibt so wunderbar einfühlsam, gekonnt und fantastisch, dass ihr Roman zweifelsohne auch ohne „Beihilfe“ der Hasstiraden
Ahmadi-Nejads seinen weltweit angesehenen Platz im Literaturbetrieb
. finden wird
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