دوشنبه
Kurzgeschichte, Hossein Nushazar

Die Erbschaft
Hossein Nushazar



Hossein Nushazar, 1963, iranischer Schriftsteller, kam 1986 nach Deutschland, lebte und arbeitete in Aachen als Psychotherapeut bis 2004. Seit 2004 lebt er in Paris als freier Schriftsteller. Von ihm sind zahlreiche Erzählungen, Romane und Kurzromane, sowie Essays und Beiträge für Radiosendungen in persischer Sprache erschienen. Er war auch Mitherausgeber der Zeitschrift Sang.
Die folgende Geschichte ist erstmalig in yek rooz-e aaftabi eine Sammlung der Kurzgeschichten in persischer Sprache, die Zusammenleben der Iranern und den deutschen thematisiert, veröffentlicht.



Bis zu dem Dorf waren es noch etwa sieben, acht Kilometer. Harald fuhr langsam, mit höchstens fünfzig oder sechzig Stundenkilometern. Die Straße schlängelte sich durch eine Ebene auf das Dorf zu, durchquerte es und verlief dann in unbekannte Fernen. Jenseits des Dorfes, inmitten der Ebene, sah man ein paar verstreute Gehöfte liegen. In den Umfriedungen aus Hecken grasten Kühe, die gemächlich und träge herumtrotteten.
Als sie die Gehöfte hinter sich gelassen hatten, wurde die Straße plötzlich abschüssig. Zu beiden Seiten der Straße dehnte sich eine Allee aus alten Bäumen. Ihre Zweige und Blätter waren ineinander verschlungen und bildeten ein Dach über der Straße. Im Wechselspiel von Tag und Nacht hatte der Tag noch die Oberhand. Der Sommer ging zu Ende. Aber die Tage waren noch lang. Es war ein Viertel vor Sieben. Und doch war es noch nicht völlig dunkel. Von einem Augenblick zum andern veränderte sich die Ebene und wurde immer unheimlicher.
Die Straße endete nicht im Dorf. Sie verlief mitten durch das Dorf in die Ferne. Das Dorf war Teil der Straße, wie aus der Straße herausgewachsen. Die Straße war gleichzeitig die Hauptstraße des Dorfes mit seinen Gassen, die überall da und dort, wie die Bäche eines Flusses in die Straße einmündeten.
An einer großen Kreuzung – wahrscheinlich der einzigen Kreuzung – hielt Harald an. Er blickte um sich und sagte:
„Jetzt ist es nicht mehr weit. Bist du müde?“
Worauf Nahid erwiderte:
„Bist du auch ganz sicher, da. es hier ist?“
Harald lachte und antwortete: „Schatz! Ich bin hier aufgewachsen.“
Als sie die Scheinwerfer eingeschaltet und die Kreuzung überquert hatten, drosselte Harald das Tempo, bog nach rechts ab, und nach einem weiteren Stück Wegs nochmals nach rechts, und fuhr in eine enge Gasse hinein.
„Hier war das Haus des alten Vogt“, sagte er. „Jetzt ist er wahrscheinlich schon lange tot. Er war mit Vater befreundet. Sonntags, nach dem Abendmahl, gingen sie zusammen Bier trinken. Er hatte noch einen anderen Freund, den Herrn Helendorn. So ähnlich hieß er jedenfalls. Er bekam eine Blinddarmentzündung und starb daran.
Komisch ! Ich weiß nicht mehr genau, wie er hieß Aber ich kann mich noch genau erinnern, wie er aussah. Er war ein großer, breitschultriger Mann mit sonnenverbranntem Gesicht. Ständig pflegte er Gummistiefel zu tragen, als hätte er dauernd im Schweinestall zu tun“.
„Im Schweinestall !?“
„Damals war das Dorf noch wie zu alten Zeiten. Die meisten Häuser waren so, wie die Häuser auf den Dörfern in Deutschland damals eben waren, mit einem großen Hof und einem Schweinestall. Einem Stall jedenfalls“.
Harald hatte bis jetzt eine Zigarette nach der anderen angezündet. Er kurbelte das Fenster herunter. Darauf zündete er sich wieder eine Zigarette an. Noch niemals hatte Nahid Harald so viele Zigaretten hintereinander rauchen sehen.
Sie bogen nach links ab. Die Zementgebäude zu beiden Seiten der Straße hielten den Kopf in der Dunkelheit verborgen.
Harald sagte: „Alles hat sich verändert. Höchstwahrscheinlich die Menschen auch“.
Nahid dachte daran, wie fremd dieser Mann inzwischen in seinem eigenen Geburtsort geworden war. Sie war müde von der Reise. Aber bei diesem Gedanken wurde sie
noch müder:

„Du wolltest es so“ – sagte sie - . „ Niemand hat dich gezwungen.“
Worauf Harald entgegnete: „Es ist jetzt nicht die Zeit zum Streiten, Schatz“.
„Streiten !? Was meinst du damit?“
„Genau das, womit du gerade anfängst, Schatz. „
„Könntest du vielleicht etwas weniger „Schatz“ zu mir sagen!?“
Sie bogen in eine nicht asphaltierte Straße ein. Harald hielt an. „Hier ist die Straße zu Ende“, sagte er. „Den restlichen Weg müssen wir zu Fuß zurücklegen.“
„Was machen wir mit den Koffern?“
„Das kriegen wir schon hin. Ich kehre noch einmal zurück und hole sie“.
„Dann warte doch noch einen Moment. Dann nehme ich wenigstens meine Handtasche mit.“
„Von der kannst du wohl niemals lassen!?“
Harald öffnete die Haube des Kofferraums. Nahid kramte zwischen all den Gepäckstücken nach ihrer Handtasche. Harald blickte sich nach allen Richtungen um.
Da sagte Nahid:
„Weißt du denn nicht, wo ich meine Handtasche hingelegt habe?“
Harald gab keine Antwort.
Nahid wollte weinen. Aber sie nahm sich zusammen. Sie hätte am liebsten geweint. Aber sie unterdrückte ihre Tränen. Sie wollte nicht, da. Harald sie weinen sah. Sie hätte ja nicht mitzukommen brauchen. Sie hätte in Berlin bleiben können. Sogar an eine Scheidung hatte sie gedacht. Aber wenn sie noch ein weiteres Jahr abwartete, wenn sie sich für ein weiteres Jahr in Geduld übte, dann würde sie mit dem Ablauf der Frist von 3 Jahren eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Sollte sie etwa all diese schweren Jahre mit einem unbedachten Entschluss für Null und nichtig
erklären?“
„Siehst du dort?“, sagte Harald. „Siehst du den Gartenweg dort? Der führt direkt zu Vaters Haus“.
Nahid fand schließlich ihre Handtasche. Sie hängte sie sich über die Schulter. Dann schloss sie die Haube am Heck und sagte:
„Also gehen wir!“
Sie gingen los, mitten hinein ins Dunkel. Wenn jemand sie so gesehen hätte, er hätte gemeint, da. sie sich im Dunkeln verirren müssten, da. die Dunkelheit sie verschlingen würde. Nahid folgte Harald auf den Schritt. Harald ging schnell. Nahid trug Schuhe mit hohen Absätzen, und der Boden war uneben und feucht. Immer wieder blieb sie mit den Absätzen im Boden stecken. Das Gehen war mühsam und wurde immer mühsamer. Sie fasste nach Haralds Hand. Sie drückte seine Hand in der ihren.
„Wir haben uns schon lange nicht mehr bei den Händen gehalten,“ sagte Harald. „Könntest du etwas langsamer gehen?“
„Es ist nicht mehr weit. Wir sind gleich da.“
Harald war hochgewachsen und breitschultrig. Seine helle Haut spielte ins Rötliche. Sein Haar war kurz und blond. Seine Hände kräftig und männlich. Sein Bauch trat hervor. Nahid dachte an seine Brust, auf der es kein einziges Haar gab. Harald glich einem Alptraum. Nachts fuhr er ganz plötzlich aus dem Schlaf hoch und versetzte sie in Angst. In den zwei Jahren ihrer Ehe war dies das erste Mal, da. sie verreisten.
Harald war ein scheuer, zurückgezogener Mensch, der von Alpträumen geplagt wurde.
„Wir hätten besser einen anderen Weg genommen,“ sagte Harald. „Dann hätten wir mit dem Auto direkt bis vor das Haus fahren können.“
„Lass uns zurückgehen und das Auto nehmen“, sagte Nahid. Mit diesen Schuhen kann man kaum gehen.“
„Warum hast du dir keine bequemeren Schuhe angezogen, mit etwas niedrigerem Absetzen?“
Nahid trug immer Schuhe mit hohen Absätzen. Wenn sie neben Harald ging, fiel es besonders auf, wie klein sie war. Harald war eine kräftige Erscheinung. Er wirkte wie ein Mann, aber es fehlte ihm an Mut. Zumindest seit Nahid ihn kannte, hatte er seinen Mut verloren. Aber niemand hätte zu sagen vermocht, durch was oder wen das geschehen war.
Harald blieb stehen. Er stand nun vor dem väterlichen Haus und starrte hinüber. Mit der Zunge befeuchtete er seine Lippen. Dann legte er seinen Arm um den Hals von
Nahid und sagte:
„Wir sind angekommen.“
Nahid sah nur zu Harald auf. Sie warf keinen einzigen Blick auf das Haus. Nahid war vor 15 Jahren nach Deutschland gekommen. In diesen 15 Jahren hatte sie in Berlin, in Köln, in Stuttgart und in Mainz gelebt. Ihre Tochter Sahar war vor acht Jahren in Deutschland zur Welt gekommen. Als sie Harald kennen lernte, war Sahar fünf Jahre alt gewesen. Harald hatte damals zu ihr gesagt: „Ich liebe Kinder, aber ich selbst möchte nicht Vater werden“, worauf Nahid ihn gefragt hatte:
„Scheust du die Verantwortung?“
„Nein, ich habe nur Angst davor, da. ich meinem Kind dasselbe antun werde, wie mir mein Vater“, hatte Harald darauf mit Bitterkeit in der Stimme erwidert.
So sehr Nahid ihn auch gedrängt hatte, an jenem Abend sagte Harald nichts mehr. Auch sie selbst brachte das Thema nach jenem Abend nicht mehr auf den Tisch. Warum sollte sie sich auch auf Angelegenheiten einlassen, die nicht die ihren waren. Wichtig war allein, da. ihre Tochter einen Vater hatte und da. sie durch ihren deutschen Ehemann das Bleiberecht erhielt.
Anfangs war Mahmud fast täglich vorbeigekommen. Offenbar fehlte ihm Sahar. Aber nachdem er wieder geheiratet hatte und nochmals Vater geworden war, vergaß. er Sahar. Vor der Reise hatte sie mit Mahmud telefoniert und gesagt:
„Ich werde mit Harald verreisen und ich möchte nicht, da. Sahar die Schule versäumt. Es ist mitten im Schuljahr“.
Zuerst war Mahmud nicht einverstanden gewesen. Er hatte eine Ausrede gebraucht. Aber dann war er am verabredeten Tag pünktlich auf die Minute erschienen und hatte Sahar abgeholt. Nahid hatte sich in der Kunstakademie eingeschrieben. Sie studierte Malerei. Harald hatte dazu gemeint:
„Wir gehen aufs Land, an einen stillen, kleinen Fleck. Dort kannst du in aller Ruhe
deiner Arbeit nachgehen“.
„Und was wird aus Sahar!?“
„Sie kann solange bei ihrem Vater bleiben“.
Nahid war gekränkt gewesen. Allein schon der Gedanke war ihr schrecklich.
„Daran brauchst du überhaupt nicht zu denken,“ hatte sie geantwortet.
„Ich liebe dich“, hatte Harald darauf gesagt. „Was immer du willst, was du vorschlägst, das wird gemacht“.
Aber dennoch hatten sie kurzerhand die Koffer gepackt und waren aufgebrochen: ohne Sahar und ohne zu wissen, was ihnen bevorstand. Sicherlich. Sie hätte sich stur stellen können. Sie hätte auf ihrem Willen beharren können. Ja sogar mit der Scheidung hätte sie drohen können, obgleich sie nur zu gut wusste, da. es dazu noch zu früh war. Aber vielleicht würde Harald dann ja Angst bekommen. Er war immer von Angst verfolgt. Zumindest seit Nahid ihn kannte war da etwas, vor dem er sich
fürchtete. Er schwitzte schnell. Nachts schreckte er aus dem Schlaf hoch, und in der letzten Zeit hatte er sich völlig zurückgezogen. Nur selten ging er aus dem Haus. Vor
dieser großen Stadt Berlin hatte er einen Abscheu entwickelt. Sie hatte zu ihm gesagt:

„Das heißt also, da. es dir nach all den Jahren völlig gleichgültig ist, ein Leben auf dem Land zu beginnen!?“
Harald hatte gelacht und gesagt:
„Ich bin dort geboren worden. Ich bin auf dem Land groß. geworden. Ich weiß. ganz genau, was für ein Leben dort auf mich wartet. Und außerdem. Hier bin ich in einer Sackgasse gelandet. Was kann ich noch in Berlin großartiges vollbringen?“
„Und was ist, wenn du es nachher bereust?“
Er hatte ihr fest in die Augen geschaut und gesagt:
„Was verliere ich schon. Aber trotzdem. Ich bestehe nicht darauf. Ja, ich hätte es gern. Aber es ist nicht so, da. ich unbedingt darauf bestehe. Ich will dich nicht nach irgendwohin mitnehmen, wo du dich nicht wohl fühlst.“
Zwei Monaten war es her, da. diese Worte zwischen ihnen gefallen waren, gerade nachdem der Postbote Harald die Nachricht vom Tod des Vaters überbracht hatte und Harald sich darüber klar geworden war, da. er der alleinige Erbe des väterlichen Hauses war. Und nun waren sie also hier, und Harald suchte in dieser mondlosen, sternenlosen Nacht nach dem Haustürschlüssel zum Haus des Vaters. Es dauerte einige Minuten, bis er den Schlüssel fand und aufschloss.

Das Haus roch muffig – nach Abwesenheit. Überall herrschte Dunkelheit. Harald zündete sein Feuerzeug an. Für einen kurzen Augenblick sah Nahid im spärlichen Licht des Feuerzeugs ein großes, unaufgeräumtes Wohnzimmer. Die Haustür .öffnete sich direkt zum Wohnzimmer. Harald fand mit Hilfe des Feuerzeugs den Lichtschalter und knipste das Licht an. Über allem lag Staub. In den Ecken hatten sich Spinnweben breit gemacht. Im Wohnzimmer standen die Möbel herum. Offensichtlich hatte niemand nach dem Tod des Vaters hier aufgeräumt. Auch über die Sessel hatte man kein Tuch gebreitet.
Das Mobiliar im Wohnzimmer war alt und abgenutzt. Ein Ölgemälde war der einzige Blickfang, der im Wohnzimmer ins Auge fiel. Der Kamin schien allerdings eine Antiquität zu sein, die in einem Antiquitätengeschäft einen guten Preis erzielt hätte.
Harald sah Nahid an. Aber diese ging schnurstracks zu einem Sessel und setzte sich. Sie wich dem Blick von Harald aus. Sie legte ihre Handtasche beiseite und machte es
sich auf dem Sessel bequem.
„Ich habe dir gesagt“ – sagte Harald – „da. du keine großen Erwartungen hegen
sollst“.
„Ja, ja, da. hast du gesagt“ – sagte Nahid. „Und ich erinnere mich auch, da. du gesagt hast, man soll ans Leben keine großen Erwartungen knüpfen“.
Sie hielt den Kopf gesenkt, und noch immer vermied sie es, Haralds Blicken zu begegnen. Harald klopfte gegen die Wand:
„Die ist fest und hat kein bisschen Feuchtigkeit gezogen“ – bemerkte er. Vater hat das Haus mit eigenen Händen gebaut. Es dürfte gut sechzig Jahre alt sein. In diesem Haus bin ich zur Welt gekommen“.
„Wie düster es hier ist“ – sagte Nahid.
„Kein Wunder“ – sagte Harald. „Schließlich gibt es einen Unterschied zwischen einem Dorf, wie diesem und einer Großstadt, wie Berlin. Aber hier gibt es Ruhe, weißt du“.
Er ging zum Kamin. Das Zirpen der Grillen drang in den Raum und mischte sich mit dem Rauschen der Blätter im kühlen Nachtwind.
Nahid stand auf. Sie ging auf Harald zu und sagte:
„Wer sind die Nachbarn hier?“
„Mit den Nachbarskindern habe ich zusammen gespielt. Am Sonntag musste ich auf Befehl meines Vaters an der Messe in der Kirche teilnehmen. Die Messe, das ist das einzige, an das ich mich noch erinnern kann“.
„Es war nicht richtig, da. du bei seinem Begräbnis nicht anwesend warst“ – sagte Nahid.
Doch Harald sagte darauf nur: „Die Wände sind fest und haben kein bisschen Feuchtigkeit. Die alten Häuser in Deutschland sind sehr stabil gebaut“.
„Es ist kalt. Findest du nicht?“ – sagte Nahid.
„In der Nacht wird es jetzt schon ein bisschen kalt. Aber irgendwo muss es Brennholz geben, wenn ich mich recht erinnere. Wir könnten den Kamin anheizen“.
Nahid .öffnete die Tür, die zum Wohnzimmer führte. Harald warf einen Blick über die Schulter in das Zimmer und sagte:
„Das ist das Schlafzimmer der Eltern“.
Nahid knipste das Licht an. In der Mitte des Zimmers stand ein Bett aus Eichenholz, und an der Wand über dem Bett hing ein Kruzifix. Auf einem Nachttisch stand eine
Lampe. Das war alles, was es im Zimmer gab.
„Wo habt denn ihr geschlafen?“ – fragte Nahid.
„Wenn du die Treppe hinaufgehst, unterm Dach, gibt es noch zwei Zimmer. Eines davon war mein Zimmer, das andere gehörte meinen Schwestern.
„Deinen Schwestern !?“ – sagte Nahid ganz erstaunt. Noch niemals hatte Harald seine Schwestern erwähnt.
„Janette und Brigitte. Beide heirateten früh, und ich weiß. nicht, wo sie verblieben sind und was sie machen. Sie dürften inzwischen ziemlich ins Alter gekommen sein.“
„Du hast mir niemals erzählt, da. du zwei Schwestern hast“.
„Ich habe so ziemlich alles vergessen. Abgesehen von den Sonntagen mit der Messe ist mir so gut wie nichts aus jener Zeit im Gedächtnis geblieben“.
In der Küche stand ein alter Herd, der mit Holz zu heizen war. Nahid .öffnete die Herdtür. Der Herd war noch voller Asche. Außerdem stand da noch eine alte Vitrine aus einem edlen Holz gefertigt. Nahid drehte den Wasserhahn auf. Aus dem Wasserhahn schoss rostiges Wasser in das Spülbecken, in dem hilflos ein paar Küchenschaben herumzappelten.
„Mach dir keine Gedanken“, sagte Harald. „Wir werden es zusammen schon schaffen. Wichtig ist, da. wir zusammen sind. Ich liebe dich“.
Er wollte Nahid in die Arme nehmen. Seit geraumer Zeit schon hatten sie sich nicht mehr in die Arme genommen, und seit fünf, sechs Monaten schliefen sie getrennt. Nahid wich ihm aus und fragte:
„Wo kann man denn hier schlafen?“
Harald zuckte mit den Achseln: „Im Schlafzimmer“.
Nahid bekam Angst.
„Das kommt überhaupt nicht in Frage. Das kannst du völlig vergessen“, schrie sie fast.
Dem Bett sah man an, da. schon viele Menschen in ihm gestorben waren. Das ganze Haus roch irgendwie nach Tod: abgestanden und verlassen.
Harald sagte: „Wir werden es zusammen schon schaffen. Aber ich will dich nicht zu irgendetwas zwingen. Du bist völlig frei und kannst tun und lassen, was du willst.
„Mir ist kalt“, sagte Nahid.
„Ich gehe und mache Holz klein“, sagte Harald.
Nahid fürchtete sich. Sie hatte Angst, allein zu sein. Wenn Harald nun ging und nicht mehr zurückkehrte, wie würde sie diese Nacht überstehen? Doch sie sagte nichts. Sie saß. auf dem Sessel und starrte zum Fenster. Die Fensterscheiben waren staubig und schmutzig. Der Staub des Sommers und die Herbstschauer hatten ihre Spuren auf den Fensterscheiben hinterlassen. Nahid hatte die Augen geschlossen. Aber sie hörte ganz deutlich, wie die Tür geöffnet wurde und dann ins Schloss fiel.
Harald war nach dem Militärdienst in Berlin sesshaft geworden. Eine Zeitlang hatte er ich als Arbeiter in mehreren Baufirmen verdingt. Nash der Wiedervereinigung der beiden Deutschland, mit dem Fall der Berliner Mauer, und nachdem Polen und Russen nach Berlin drängten, hatte er seine Arbeit verloren und war zu Hause geblieben. Die meiste Zeit war er missgestimmt, hatte wenig Geduld und benutzte Ausflüchte. Man fühlte, da. ihn etwas belastete. Nahid hätte ihn vielleicht trösten können. Aber sie wollte sich nicht in Angelegenheiten verstricken, die nichts mit ihr zu tun hatten.
Sie hörte, wie draußen Holz gehackt wurde. Sie trat ans Fenster. Mit der Handfläche wischte sie gerade soviel Staub weg, da. sie hinaus zu sehen vermochte. Auch von draußen saß. Schmutz auf der Scheibe und behinderte die Sicht. Dennoch konnte sie Harald ausmachen, der mit geschickter Hand Holz hackte. Sie fragte sich, was sie mit diesem massigen, weißgesichtigen Mann verband?
Sie war in einer Familie mit zahlreichen Kindern zur Welt gekommen. Der Vater war Lehrer, die Mutter Hausfrau. Mit dem bisschen Geld, das gerade so zum Leben ausreichte, war an eine Ausbildung nicht zu denken. Von dem Geld musste eine achtköpfige Familie leben. Nahid hatte noch vier Schwestern, die alle vor ihr geheiratet hatten. Als dann Mahmud um ihre Hand anhielt, hatte sie nicht abzulehnen vermocht. Mahmud hatte keine Arbeit. Sie selbst hatte keine großen Erwartungen. Sie wollte dem Vater nicht weiter zur Last fallen. Auf Wunsch von Mahmud hatte sie eingewilligt, außer Landes zu gehen.
Als Sahar zur Welt kam, begannen die Schwierigkeiten. Solange sie allein gewesen war, hatte sie sich mit dem begnügt, was Mahmud bieten konnte. Aber Sahar stellte Forderungen, die sich nicht so einfach erfüllen ließen. Das führte schließlich zur Trennung. Und jetzt sollte sie noch ein weiteres Mal, auf Wunsch von Harald, ihren Platz aufgeben und die mühsam geschlagenen Wurzeln herausreißen. Nach all den Jahren hatte sie sich in Berlin eingewöhnt. Bisweilen hatte sie das Gefühl, in Berlin geboren zu sein. Sie war mit der Stadt und ihren Menschen vertraut.
Harald schlug das Beil in einen Holzklotz und klemmte sich die Holzscheite unter den Arm. Nahid machte die Tür auf. Harald trat zum Wohnzimmer herein. Er atmete schnell. Er war na. von Schweiß.. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen. Er ging geradewegs zum Kamin, legte ein paar Holzscheite hinein, kniete nieder und zündete Feuer an. Nahid ging und setzte sich neben Harald vor den Kamin auf den Fußboden.
Harald sagte:
„Sonntags hat mich Vater mit dem Stock verprügelt. Er prügelte einfach drauf los. Ich wollte nicht zur Messe gehen, da hat er mich verprügelt.“
„Es gibt so viele Dinge, die man vergessen muss.“ - sagte Nahid. „Ich will nicht ständig in der Vergangenheit herumkramen. Das Leben ist so kurz.“
„Ich hatte das bisher alles völlig vergessen“ – sagte Harald. „Aber jetzt, wo ich hier neben dir vor dem Feuer sitze, fällt mir plötzlich alles wieder ein“.
Nahid starrte ins Feuer, aus dem Flammen hervorloderten und wohltuende Wärme verbreiteten.
Das Feuer war niedergebrannt und schien zu schlafen.
„Vater war Alkoholiker. Er war launisch und wetterwendisch und hatte einen
schwachen Charakter. Er zog mich an Händen und Füßen zum Stall, und dort schlug er mich. An einem Tag verlor er beim Würfelspiel. Er kam mit Helendorn nach Hause. Ich kletterte vor Angst auf das Dach. Unsere Zimmer hatten in der Decke eine Dachluke, die während des Sommers immer halb offen blieb. Durch die Dachluke von Janette‘s Zimmer konnte ich die Gummistiefel von Helendorn sehen. Nicht einmal die Gummistiefel hatte er sich ausgezogen. Ich habe Helendorn niemals ohne seine Gummistiefel gesehen“.
„Hat deine Mutter nichts gesagt? Hat sie nichts getan?“
„Vater hatte Mutter zum Stall gebracht und dort prügelte er auf sie ein. Ich konnte sie wimmern hören. – Als wäre das alles erst gestern geschehen, oder gerade eben, an diesem Abend“.
Auch Harald starrte ins Feuer. Nahid betrachtete ihn. Er war kräftig und schwer. Er wirkte fremd. Sie sagte:
„Janette ?“
„Ihr Kleid war aufgerissen“ – sagte Harald. „Als Helendorn ging, ging sie in die Küche. Sie nahm den Topf mit dem Essen vom Herd und begann, zu essen. Ich stand im Türrahmen und betrachtete sie. Sie tat, als sähe sie mich nicht. Wahrscheinlich wollte sie mich nicht sehen. Sie wollte wahrscheinlich nicht, da. man sie sieht.“.
Das Zirpen der Grillen war zu hören und das Wehen des Windes. Die Fenster waren geschlossen. Aber das Zimmer roch jetzt nicht mehr abgestanden. Oder sie hatten sich an den Geruch gewöhnt. Vielleicht war ja der Geruch noch da. Aber sie nahmen ihn nicht mehr wahr. Harald weinte lautlos. Nicht einmal seine Schultern zuckten. Er war in sich zusammengesunken und weinte. Nahid legte ihre Hand auf seine Schulter und
sagte:
„Zusammen werden wir das schon schaffen. Mach dir keine Gedanken. Wir schaffen das schon“.
Harald ging vor Nahid in die Knie. Er wurde klein und versank in den Armen von Nahid. Er weinte immer noch. Nahid fuhr ihm mit ihren langen, schlanken Fingern zärtlich und tröstend durch die blonden Haarsträhnen. Sie legte ihren Kopf auf den seinen und flüsterte ganz leise:
„Wir schaffen das. Das ist unser Teil vom Leben. Etwas anderes gibt es nicht“.
Der Abstand zwischen ihnen war geschwunden. Nahid und Harald waren sich
näher gekommen.
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